tHere

Interdisciplinary artistic research on performance and live audio and video installation.


Artistic direction : Charlie Fouchier

Residence at the LOFFT – DAS THEATER (March 2021) in collaboration with :

Video installation : Paula Abalos
Performance : Maike Hautz, Jean-Baptiste Mouret
Support dramaturgy (dance) : Sigal Zouk.
Support dramaturgy and technique (streaming) : German Farias.

Online public presentation : 25th March, 2021, 7pm CET.

Eine Produktion von Charlie Fouchier in Kooperation mit LOFFT – DAS THEATER.
#TakeCareResidenzen ist gefördert vom Fonds Darstellende Künste aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien im Rahmen von NEUSTART KULTUR.

Konzept: Den digitalen Mensch verstehen.

Digitale Medien sind in unserem täglichen Leben immer präsenter. Jede Person, jede Institution hat ihren digitalen Avatar. Ob zur Kommunikation, zur Unterhaltung, zur Arbeit, oder zur Gesundheit usw., die Nutzung dieser Medien durchdringt zunehmend jeden Winkel unseres Lebens. Diese Kolonisation digitaler Medien in den zwischenmenschlichen Austausch prägt eine neue Vorstellung vom Individuum, von der Beziehung zur Gruppe und von unserem Gesellschaftsmodell.

Um den potentiellen Umfang dieser Veränderung für unsere Psyche und unsere Gesellschaft zu verstehen, können wir uns eine ähnliche Veränderung ansehen, die während der Renaissance in Europa stattfand. Damals erlaubten neue Techniken zur Herstellung von Spiegeln den Menschen zum ersten Mal in der Geschichte, ihr eigenes Bild klar und vollständig zu sehen. Um die Bedeutung dieses Phänomens zu verstehen, muss man sich vor Augen halten, dass die meisten Menschen zuvor ihr ganzes Leben gelebt hatten, ohne jemals ihr eigenes Gesicht gesehen zu haben.

Es ist zu dieser Zeit dass der Begriff des Künstler, den es vorher nicht gab, entstand. Und es ist ebenso zu dieser Zeit das Descartes sein “Ich denke, also bin ich” formulierte, das unserer westlichen Vorstellung vom Individuum immer noch zugrunde liegt.

Als Individuum kenne ich mich durch meine Gefühle, meine Ideen und meine Gedanken. Aber auch durch meine Interaktionen mit anderen: durch ihre Worte und Handlungen, wenn sie an mich gerichtet sind oder wenn sie mein Weltbild bestätigen oder ihm widersprechen. Dadurch entsteht für mich eine dynamische Vorstellung meiner Identität, die in Abhängigkeit und Interaktion mit den anderen steht.

Meine Verkörperung in der Gesellschaft durch digitale Avatare stellt mich ständig im Beisein meines Bildes, im Beisein meiner “Äußerlichkeit”, wie ich sie für andere haben will oder möchte, oder wie ich sie mir für andere vorstelle. Wie eine Wiederholung der Spiegelstadium versetzt mich diese digitale Spiegelung meines Ichs im Beisein eines anderen Ichs, das mir fremd ist. Es ist mein Ich, wie es wahrgenommen wird oder wie ich mir vorstelle, dass es von anderen wahrgenommen wird.

Die digitale “Welt”, die entsteht, ist eine Welt der digitalen Avatare der Menschen. Es ist eine Welt, in der Bilder von Individuen dazu neigen, zu Subjekten zu werden. Dieser digitalen „Welt“ fehlt jedoch das, was das interindividuelle und kulturelle Gewebe der Menschheit untermauert: der Körper (meine Wahrnehmung als physisches Wesen und die Wahrnehmung meiner Empfindungen und Emotionen als Modalität der Existenz meines physischen Wesens), die Interkorporalität (das Bewusstsein der Existenz meines physischen Wesens in Interdependenz und Interaktion mit dem Rest der physischen Welt), den Augenkontakt (die Tatsache, sich einander in die Augen schauen zu können), und die Berührung (die laut mehrere Studien unserer psychischen und physischen Fähigkeiten und Gesundheit notwendig ist). Das Digitales entwirft dadurch ein Gesellschaftsmodell, das uns von einer Teil unseres Seins als Mensch und als Lebewesen trennt.

Durch die Einführung digitalen Interaktions- und Kommunikationsmedien in physischen kulturellen gemeinsamen Räume, hinterfragt “tHere” (engl. “hier” und “dort” – Arbeitstitel) die Beziehung zwischen diesen beiden Arten der Interaktion und des Zusammenseins. Obwohl sich das Digitales angesichts der durch die COVID-19-Pandemie entstandenen Situation als Alternative oder sogar als Notwendigkeit aufgedrängt hat, kann es die Existenz physischer Orte des Austausche und der künstlerischen Erfahrung nicht ersetzen. Durch die Zusammenführung und Verflechtung digitaler und physischer Wahrnehmungs-, Ausdrucks-und Interaktionsformen, macht „tHere“ die Unterschiede und Widersprüche zwischen diesen Kommunikationswege spürbar, und hinterfragt die Möglichkeit eines digitalen Gesellschaftsmodells.


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